Abschluss-Bericht eines märchenhaften Jahres

31 08 2010

Das “Namaste”, die indische Begrüßungsformel, hat sich fürs erste erledigt – der deutsche Alltag hat mich wieder. Seit einigen Wochen bin ich zurück in Deutschland.
Mein Abschluss-Bericht ist recht ausführlich geraten. Für alle, die im Moment nicht die Muse haben sich mit den 4 Seiten herumzuschlagen ganz kurz zusammengefasst: Es war ein Jahr – und das nicht nur wegen der manchmal exotischen Abenteuer.

Mein Weltwärts-Jahr ist mit diesem Bericht quasi abgeschlossen. An dieser Stelle, auf www.weltwaerts-kolkata.de werden aber schon bald meine Nachfolger berichten, die gerade in Kolkata angekommen sind. Nicht ausgeschlossen auch, dass ich – hier oder an anderer Stelle – noch einiges zum Thema Entwicklung, Nachhaltigkeit und Engagement schreiben werde.
Jetzt aber also mein letzter großer Bericht:

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Entwicklungshilfe oder Eigeninitiative?! Der Bonner Aufruf

27 08 2010

Noch einen letzten Nachtrag zur undjetzt?!-Konferenz will ich machen, der uns alle dort sehr beschäftigt hat. Und bei jeder Beschreibung eines Projekts, die ich lese, kommt es mir wieder in den Sinn. Es geht um den „Bonner Aufruf“.

„Hilfe zur Selbsthilfe“ ist das Schlagwort scheinbar jeder Hilfsorganisation. Kurt Gerhardt, Mitbegründer des Bonner Aufrufs, geht aber noch sehr viel weiter. Oft zementiere Entwicklungshilfe die Abhängigkeit der Empfänger. Afrikaner, die zur Lösung eines Problems zuerst mal die Angebote der ausländische Hilfsorganisation vergleichen, haben gar keinen Grund für Eigenverantwortung.

Resourcenreichtum und Entwicklungszusammenarbeit lehren also kontraproduktiv, dass Fortschritt nicht selbst erarbeitet werden muss. Auf der anderen Seite „versickern“ dabei Milliarden in der großen und kleinen Korruption, in manchen Staaten existieren 20% der Lehrer nur auf der Gehaltsliste. Mehr Geld ist also nicht gleich mehr Entwicklung – Entwicklung ist nur, was man selber macht.

In seinem Vortrag stellte Kurt Gerhardt die Entwicklungszusammenarbeit radikal in Frage. Gab aber auch zu, manche Teile der Entwicklungshilfe sind sinnvoll und wichtig. Nothilfe steht außer Frage – wenn ein Land in Fluten versinkt kann es sich nicht selbst helfen. Es gilt aber auch allgemein zu beachten, dass Eigeninitiative in den meisten „Entwicklungsländern“ oft schwierig ist. Wer sich in Deutschland über die Bürokratie beschwert muss dort erst gar nicht anfangen. Es gibt also Vorraussetzungen für die Selbsthilfe, die es zu fördern gilt: Bildung, Mittel (in Form von Krediten!) und auch Freiheit.

Ob als Befürworter oder Gegner, die Gedanken des Bonner Aufrufs sind wichtige Anstöße für alle, die an „der Entwicklung“ arbeiten. Ich kam kurz ins Zweifeln mit meiner Motivation „zu helfen“. Aber ich sehe mich bestätigt, dass Unterstützung auf eine Art notwendig ist, die den Betroffenen Möglichkeiten gibt, und sich dabei nicht in die erste Reihe drängt. Es gilt also jedes „Hilfs“-Projekt genau unter die Lupe zu nehmen – oft lassen sich Dinge auf unterschiedliche Weise „lösen“. Die Floskel „unter Einbeziehung der Bevölkerung“ ist dabei nicht genug!

Der Vortrag von Kurt Gerhardt auf der UndJetzt?!-Konferenz (YouTube)

Website des Bonner Aufruf





Bedingungsloses Grundeinkommen – Freiheit statt Vollbeschäftigung!

19 08 2010

Die undjetzt?!-Konferenz ist mittlerweile zu Ende, aber die Woche hat genug Stoff geliefert um noch ein bisschen zu denken – und zu schreiben. Neben dem Vortrag zum Thema Social Business, über den ich schon hier berichtet habe, gab es noch weitere inspirierende Anstöße. Sascha Liebermann stellte uns das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens vor – ein Thema das uns noch bis zum letzten Tag der Konferenz zu vielen Diskussionen anregen sollte.

Das Konzept ist denkbar einfach: Der Staat garantiert die Grundversorgung aller Bürger.

Das tut der Staat im Augenblick auch schon. Wer arbeitslos ist, wer nicht genug Rente bekommt, der muss in Deutschland nicht verhungern. Der Gedanke hinter dem bedingungslosen Grundeinkommen ist nichts desto trotz irgendwie radikal. Denn hier bekommt jeder bedingungslos einen monatlichen Betrag – unbürokratisch und nicht diskriminierend. Jeder. Ob arm oder reich, ob verzweifelt bemühter Arbeitsloser oder fauler Sack. Weil jedem Menschen Würde und einige grundlegende Dinge zustehen. Wie eben jedem ausnahmslos auch Menschen- und Bürgerrechte zustehen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen würden manchem ermöglichen nicht mehr den gehassten Job machen zu müssen, sondern alle Energie in seine innovative Idee zu stecken. Es könnte Freiheit geben, das zu tun, was einem Spaß macht oder was man am Besten kann. Und für die weniger Inspirierten stärkt es zumindest die Verhandlungsposition gegenüber dem Arbeitgeber.

Leichter wird das Leben so nicht unbedingt. Denn mit einem Grundeinkommen lässt sich nicht mehr sagen: Ich kann ja gar nicht anders als diese Arbeit zu machen. Jeder müsste selbst für sich einen Sinn des Lebens finden – aber jeder hätte auch die Freiheit und die Zeit dazu.

In Indien durfte ich das schlagende Argument hören: „Wir nutzen in den Regierungs-Büros keine Computer, das würde doch Arbeitsplätze kosten!“. Auch wenn es in Deutschland wahrscheinlich niemand so extrem formuliert würde – warum freuen wir uns nicht über Automatisierung und Abbau eintöniger, ersetzbarer Arbeit? Wir sollten diese Möglichkeit für mehr Lebenszeit nutzen. Das erfordert natürlich ein radikales Umdenken des Systems, unserer Ziele. Aber es gibt Alternativen, wie das bedingungslose Grundeinkommen. Ob es eine Revolution wäre oder ob sich in der Praxis letztlich gar nicht viel ändern wird (es wird ja schließlich weiter Arbeitsplätze und Wirtschaft geben!) ist mir nicht immer klar. Aber die Grundgedanken des bedingungslosen Grundeinkommens sind erfrischend revolutionär.

Es gibt verschiedene Modelle zur praktischen Umsetzung, beispielsweis von Götz Werner, und natürlich widersprechen sich die Studien wie gut finanzierbar alles ist. Mit dem entsprechenden politischen Willen ist es allerdings alles andere als unbezahlbar. Natürlich gibt es noch jede Menge anderer Aspekte dazu:

http://www.freiheitstattvollbeschaeftigung.de

http://de.wikipedia.org/wiki/Bedingungsloses_Grundeinkommen

Vortrag über das bedingungslose Grundeinkommen von Sascha Liebermann auf der UndJetzt?!-Konferenz





Sozialunternehmer – gesellschaftliche Probleme anders lösen

11 08 2010

Im Rahmen der undjetzt?!-Konferenz komme ich diese Woche immer wieder in den Genuss von höchst interessanten Vorträgen. Am ersten Abend sprach Thomas Friemel, Gründer und Chefredakteur des relativ neuen Magazins „enorm“ (enorm lesenswert übrigens!), über Social Business, eine Neudefinition des Wirtschaftens.

Grundidee ist es, nicht das reine Gewinnstreben in den Mittelpunkt zu stellen sondern ein Unternehmen vielmehr als Mittel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme zu nutzen. Der Social Entrepreneur soll eine gute Balance zwischen sozialem, ökologischem, aber auch wirtschaftlichem Erfolg  finden. Im Idealfall kann sich ein solches „Hilfsprojekt“ selbst tragen und ist nicht von Spenden abhängig. Ganz abgesehen davon gilt aber auch das Argument, dass unternehmerisches Denken, also vorrauschauende Planung und effizienter Umgang mit den Mittel, sehr wichtig sind.

Mohammad Yunus, ein Begründer der Mikrokredit-Idee, gilt als Musterbeispiel eines Social Entrepreneur. Mit seiner Grameen Bank hat er gezeigt, dass sich mit Kleinkrediten nicht nur Armut bekämpfen lässt, sondern dass dies auch wirtschaftlich sein kann. Anstatt mit pauschaler Hilfe die Menschen zu entmündigen gibt ihnen das die Möglichkeit ihr Leben besser zu gestalten.

In Reinform reinvestiert ein Social Business 100% seiner Gewinne wieder in das Unternehmen. Es gibt zwei Seiten, von denen man sich einem Social Business näheren kann. Zum Einen kann eine NRO (Nicht-Regierungs-Organisation) sich auf wirtschaftlich eigene Beine stellen, zum Anderen kann ein wirtschaftlich ausgerichteter Konzern seine soziale Verantwortung entdecken. Corporate Social Responsibility (CSR) wird unterschiedlich beurteilt. Oft dient diese Verantwortung nur der Imagepflege. Doch Unternehmen haben das Know-How in ihrem Bereich um erfolgreiche Produkte zu entwickeln. Und gerade Mohammad Yunus versucht deshalb in Partnerschaften die Kompetenz im wirtschaftlichen und im sozialen Bereich zu verbinden. So wurde beispielsweise mit Danone ein Joghurt mit speziellen Vitamin-Zusätzen entwickelt, der sehr billig in Bangladesh hergestellt und verkauft wird. Damit lässt sich die Unterernährung der armen Kinder wirksam bekämpfen. Yunus hat auch negative Erfahrungen mit solchen Kooperationen gemacht: Das GrameenPhone Handy-Netz wurde auch finanziell so erfolgreich, das der Partner, die norwegische Telenor, den vereinbarte übergabe seiner Anteile schlicht verweigerte und nun einen Teil der Gewinne abschöpft. Auf die Frage warum er sich denn von den grossen Unternehmen ausnützen lasse antwortet Yunus aber: „Ich dachte immer, ich nütze die aus!“

Auch wenn wenn Thomas Friemel sich nicht so sicher war, dass die Sozial-Unternehmer die komplette Wirtschaft umkrempeln werden – das Social Business steckt gerade erst in den Kinderschuhen und gewinnt gerade mächtig an fahrt. Diese Vision Wirtschaft nicht mehr als erstes für finanziellen Gewinn zu nutzen sondern den Menschen und die (Lösung der) Probleme der Gesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen kann sicher noch einiges verändern. Es heisst sogar, man hätte im Kanzleramt schon ein Abo des Magazins zu Social Business bestellt.





undjetzt?!

9 08 2010

Es geht weiter. Seit gut zwei Wochen bin ich zurück in Deutschland, wiedereingelebt habe ich mich erstaunlich schnell … undjetzt?!

„Undjetzt?!“ ist aber nicht nur die entscheidende Frage die sich für mein Leben nun stellt sondern auch eine Konferenz für ehemalige Freiwillige. Zugegebener Maßen: So lange bin ich noch nicht „Ehemaliger“ – und ich habe auch nicht vor mit meinem Engagement in den Ruhestand zu gehen! Gerade deshalb bin ich hier um eine Woche lang Workshops und Vorträge zu genießen, die sich mit sozialem Engagement und Entwicklungshilfe beschäftigen. Wie lässt sich durch die Erfahrungen aus einem Jahr Entwicklungsland jetzt von Deutschland aus die Welt verbessern?

Meine Vorurteile gegenüber den Teilnehmern (sympatisch, interessant, mit jeder Menge spannender Erfahrungen) haben sich jedenfalls bestätigt und die ersten Workshops heute haben mir schon eine viele interessante Details über Spenden und Transparenz bei Hilfsorganisationen und eine Übersicht der Möglichkeiten des „Web-Aktivismus“, der Mobilisierung übers Internet, gebracht.





Ein Abschied

25 07 2010

Am letzten Tag in Kolkata war noch vieles zu erledigen: Koffer mussten fertig gepackt, Abschiedsgeschenke an unsere Kollegen verteilt und ausgiebig von unseren Hostelboys Abschied genommen werden.

Fast überraschend gab es eine kleine Abschlussfeier der Organisation, bei der uns feierlich (nicht nur) unsere Zertifikate überreicht wurden.

Alle Kinder der Tikiapara und Buxarah Center sind noch einmal versammelt

Zuerst werden wir - ganz wie bei unserer Ankunft - mit einer Blumenkette geehrt ...

Es folgen kurze Reden vom President, Dr. Razzaque und auch wir sollen ein paar kurze Worte an alle richten.

Es bleibt aber nicht bei den Blumen ... auch Geschenke gibt es für uns.

Und höchst feierlich erhalten wir unser Zertifikat über die ein Jahr lang hier geleistete Arbeit.

Von unserer Seite: Süße Rasgulla für alle - 200 Stück.

Ein schöner Abschied.





Kulturelle Kommentare – indische Toiletten

15 07 2010

Manchmal muss man sich eben auch mit Scheiß beschäftigen. So ganz wörtlich.

Nicht selten kann man bei uns im Viertel kleine Kinder dabei beobachten wie sie auf der Straße in (oder auch neben) die offene Kanalisation kacken. Die etwas bessere indische Toilette besteht aus einem Loch im Boden … und einem kleinen Wassereimer. Was den verwöhnten Deutschen erstmal vor gewisse Schwierigkeiten stellt. Das Problem mit dem Abwischen ist oft aber nicht so problematisch – umso schlimmer der Durchfall, umso weniger bleibt schließlich hängen.

Alle potentiellen Besucher dürfen aber beruhigt sein. Unsere Unterkunft bietet sogar ein stilles Örtchen westlichen Stils. Nur das mit dem Klopapier ist so eine Sache. Unter Berücksichtigung ökonomischer Theorien verfolgen wir eine recht radikale „Just-In-Time“-Einkaufsstrategie um Lagerkosten möglichst gering zu halten und Spendengelder zu schonen. Natürlich versuchen wir uns auch der indischen Kultur anzupassen, was allerdings dazu führt, dass aus „Just-In-Time“ immer wieder „Way-Too-Late“ wird.

Naja, wenn schon indisch, dann richtig.





Tick, Tack, …

11 07 2010

Tick, Tack, …

Die Zeit rennt. Erstaunlich wo die guten Vorsätze, die Dinge nicht auf die letzten Wochen zu schieben sich doch nicht durchgesetzt haben – aber es macht eben auch keinen Spaß Mitbringsel einzukaufen, wenn die Heimreise noch ewig hin ist. Jetzt versuche ich jedenfalls noch fast verzweifelt die Mitarbeiter im Büro für ein neues Verwaltungs-Programm zu schulen, ein Erinnerungs-Buch zu erstellen, Unterlagen für die nächsten Freiwilligen herzurichten, letzte Einkäufe zu machen, Fußball-WM zu schauen und nebenher auch noch intensiv Zeit mit den Hostelboys zu verbringen.

Langweilig wird es mir also auch in den letzten Tagen meines Indien-Jahres nicht mehr – Langeweile war seit meiner Ankunft eigentlich ein Problem, das nie aufkam. Es mag manchmal anstrengend oder gar frustrierend gewesen sein – abwechslungsreich und interessant aber war es fast immer. Einige meiner „Projekte“ haben vielleicht auch diese – absolut unverrückbare – Deadline gebraucht um in die Gänge zu kommen … und mitlerweile gehen auch diese letzten Dinge dem Ende entgegen.

Es ist eine etwas seltsame Situation, so fast schon im Aufbruch. Ich freue mich schon richtig auf Deutschland und einige alltägliche Dinge dort. Und ich kann es kaum erwarten mit meinem Studium anzufangen, (fast) ganz frei interessante Dinge zu verfolgen. Dass ich in weniger als zwei Wochen diese faszinierende Welt hier in Indien verlassen werde und es vermutlich mehrere Jahre dauern wird bis ich mal wieder „vorbeischauen“ kann, beschäftigt mich dagegen im Moment erstaunlich wenig – vielleicht ist das einfach noch nicht recht angekommen.





Arranged Marriage

24 06 2010

Heiraten ist eine wichtige und ziemlich große, aufwändige Angelegenheit in Indien. Die Familie der Braut ist aus Tradition und Geselligkeit quasi verpflichtet Gott und die Welt zu einer riesigen Feier einzuladen. Meist stehen die entferntesten Verwandten genauso auf der Gästeliste wie die komplette Nachbarschaft. Es ist schon lange nichts besonderes mehr für mich, wenn mitten in der Nacht eine Kapelle unter meinem Fenster vorbeizieht und lautes Feuerwerk kracht. In einem anderen Artikel, „Love Marriage“, habe ich die Gaudi schon mal beschrieben.

Jetzt habe ich im Gespräch mit einem indischen Freund eine neue Perspektive auf die so kritisch beäugte „arranged marriage“ und das Heiraten allgemein gewonnen. Er wohnt mit seinen Eltern und seiner Schwester in einem einzigen kleinen Raum und ging dank unserem Projekt immerhin 9 Jahre in die Schule. Als einziger Sohn lastet riesige Verantwortung auf ihm in der Familie nach dem rechten zu sehen. Seine Schwester wird nun Heiraten. Im Prinzip eine gute Sache, schließlich ist eine wichtige Aufgabe, dass alle Mädchen einer Familie einen Ehemann bekommen.

Dass die Schwester aber eine Liebesheirat anstrebt macht ihn nicht glücklich. Die Nachbarn meinen, dass das doch okay sei – Liebesheirat sei eben gerade in Mode. Heirat ist hier aber nicht nur ein Weg zum Glück. Die Tochter (oder Schwester) zieht nach der Hochzeit zu ihrem Ehemann und (normalerweise) dessen Familie. Ganz kalt ökonomisch ausgedrückt heißt das: „Die Hochzeit war eine große Investition, aber das wird sich auszahlen. Das Mädchen ist jetzt untergebracht und muss nicht mehr versorgt werden.“ Nicht das es irgendjemand so gefühlslos ausdrücken würde. Aber in einer Situation wo es immer wieder, ganz wörtlich, ums überleben geht ist diese Sichtweise nicht zu unterschätzen. Wenn’s nicht klappt ein paar mal den Ehemann wechseln ist jedenfalls bei diesem Aufwand weder finanziell drin, noch wird es von der Gesellschaft akzeptiert. Ich habe vorsichtig darauf hingewiesen, dass eine arrangierte Ehe genauso in die Brüche gehen kann wie eine Liebesheirat (über die Wahrscheinlichkeiten kann man sich sicher streiten). Allerdings – eine „arranged marriage“ mag keiner glücklichen Beziehung dienen, aber mit der Auswahl einer zuverlässigen Familie und dem Druck von Gesellschaft und Verwandschaft dient sie vielleicht einer (zumindest nach außen hin) „stabileren“ Ehe.

Ich bin trotz all diesem Verständnis bei weitem nicht von der arrangierten Ehe überzeugt. Aber diese Praxis ist tief in Tradition und Kultur hier verankert – und das hat vermutlich durchaus praktische Gründe. Ändern wird es sich wahrscheinlich – ich höre im Moment von ziemlich vielen „love marriages“ – aber auf jeden Fall langsam. Dass der Ehepartner eine Wahl der Eltern ist, findet Imran, ein 11 jähriger Hosteljunge, zumindest völlig selbstverständlich. Vielleicht wird er später mal eine Freundin haben, meint er, aber seine Heirat, die wird arrangiert.





Die Sache mit der Entwicklung

20 06 2010

„Entwicklung“, ein schöner Begriff. Zu schön, reklamieren manche und kritisieren, dass einige der sogenannten „Entwicklungsländer“ sich nicht besonders entwickeln. Andere fragen sich was denn das Ziel dieser Entwicklung ist. Dass es problematisch ist, wenn alle Welt dem westlichen Vorbild nacheifert, das sich als nicht Nachhaltig erweist, ist sicher richtig.

Neue Ideen müssten also her, wohin die Entwicklung gehen soll damit Umwelt und alle Menschen besser Leben können. Das Denken in der Entwicklungspolitik hat sich während der letzten Jahrzehnte gewandelt – aus der Entwicklungshilfe (von den großzügigen Reichen, die ja wissen wie es geht) ist die Entwicklungszusammenarbeit geworden. Soll heißen, die Probleme und Möglichkeiten der Entwicklungsländer stehen im Vordergrund und gemeinsam wird nach einer geeigneten Lösung gesucht. Ob diese „Entwicklungszusammenarbeit“ soweit geht, dass wir uns womöglich eingestehen selbst noch etwas lernen zu können?

Auf meiner letzten Reise, auf dem Weg durch einige kleine Dörfer und ein Tribal-(Naturvölker)-Museum bin ich aber noch weiter ins Grübeln geraten. Es wäre unglaublich schade, wenn diese faszinierenden Kulturen und Lebensweisen völlig verschwinden würden. Was für eine Welt wäre es, wenn überall, rund um den Erdball alle auf die gleiche Art und Weise ihr dasein fristen würden? Und auf der anderen Seite, wer bin ich, dass ich irgendeinem Menschen gewissen Komfort missgönnen sollte, den ich wie selbstverständlich genieße – sei es ein Fernseher oder ein Traktor.

So mancher Konzern weiß es natürlich auszunutzen mit den in unserer modernen Geschäftswelt etwas naiven Kunden einseitige Geschäfte zu machen. Nicht jeder Bauer muss mit seinem einfachen Leben aber unglücklich sein. Zumindest wenn er die Chance bekommt, nicht täglich ums überleben kämpfen zu müssen. Laut dem „Happy Planet Index“ leben die glücklichsten Menschen der Erde in Costa Rica, der Dominikanischen Republik oder Jamaica – über die Seriosität dieser Glücksmessung mag man sich streiten, aber Lebensqualität ist vielleicht doch nicht ausschließlich am Bruttosozialprodukt abzulesen.